Gasthaus am Finowkanal
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Alte Schule Zerpenschleuse

Die Nachmittagssonne ist an diesem wunderschönen Freitag dabei sich zu verabschieden und springt zwi­schen meinen Fahrradspeichen hin und her. Auf der Straße B109 mache ich mich vom Wandlitzsee aus auf den Weg, zunächst nach Klosterfelde. Zwei Kilometer nach dem Ortsausgangsschild überkommt mich ein Durstgefühl. Eine Flasche Wasser habe ich vergessen, sofort quält mich das gleiche Gefühl doppelt. Ich würde mich gern ohrfeigen, dazu müsste ich aber die Hände vom Lenker nehmen. Als sich die ersten Halluzinationen einstellen und sich vor meinen Augen ein Tanklaster zum Bierlaster ver­wandelt, mache ich eine Vollbremsung. Ich stehe auf der Brücke über dem Oder-Havel-Kanal, zwei Paddelboote liefern sich gerade ein Wettrennen. Der eine Paddler trägt ein schönes rotes T-Shirt, was sich bei genaueren Hinsehen als gar kein T-Shirt ent­puppt. Sonnenbrand! Das wird eine heiße Nacht wer­den. Nicht lange danach rolle ich kraftlos ins Örtchen Zer­penschleuse. Die Begrüßung fällt frech aus, ein kleiner Junge steckt mir die Zunge raus. Seinen Gruß zu erwi­dern ist mir unmöglich, mein Mund fühlt sich staubtro­cken an. Der Bierlaster in meinem Kopf hat sich in Luft aufge­löst und einem Gefühl der Leere Platz gemacht. Bevor den geneigten Leser ähnliche Gefühle plagen, trete ich noch einmal ordentlich in die Pedale.

Die Häuser an der Einfallstraße von Zerpenschleuse fliegen an mir vorbei. Manche Häuser lassen eine leichte Ostalgiewelle in mir hochkommen, mehr lässt mein Flüssigkeitsmangel nicht zu. Vernünftigerweise arbeiten meine grauen Zellen im Takt. Zerpenschleuse? Zerpenschleuse? Zerpenschleuse? Berlin müsste ungefähr 40 km hinter mir liegen. 1605-1620 wurde der Finowkanal auf Anordnung von Kurfürst Joachim Friedrich gebaut, nicht lange danach kamen die ersten Siedler. Mitten im Ort befand sich eine Schleuse, ihr Erbauer war ein Herr... oh Wunder! … Zerpen! Natürlich kursie­ren noch zwei bis drei andere Gerüchte um die Namens­gebung, jedes davon ist wahr! Dem Austrocknen nahe, erreiche ich mit meinem Fahrrad den Finowkanal. Seitdem die beiden Schleusen­kammern in den Jahren 1924/25 zugeschüttet und der Kanal damit unterbrochen wurde, wird das nunmehr stehende Gewässer von den Zerpenschleusern liebevoll "Langer Trödel" genannt. Die heiße Luft wird deutlich frischer und ich fahre am linken Ufer des "Langen Trödel" entlang. Hier, wo sich ehemalige Schifferhäuser eng aneinander reihen, be­komme ich eine Ahnung vom alten Zerpenschleuse. So kerzengerade sich der Kanal durch Zerpenschleuse schneidet, genauso begleiten die Häuser seinen Verlauf. Jedes Haus steht nur ein paar Meter vom Kanal ent­fernt, dazwischen nur die Dorfstraße. Eines der altehr­würdigen Häuser ist das Ziel meiner Wünsche.

Im Jahr 1822, Zerpenschleuse hatte damals - wie heu­te ungefähr 1000 Einwohner - wurde das alte Schulhaus zu eng. Zu unserem Glück baute man ein neues Schul­haus ungefähr 900 Meter von der B 109 entfernt und ins Schulhaus hinein gleich eine Wohnung für den Lehrer. Viel weiter entfernt hätte der wunderschöne Back­steinbau nicht stehen dürfen. Mit letzter Kraft versenke ich meinen Drahtesel im Fahrradständer. Von einer Freundin empfohlen, bin ich nach einer Stunde am "Gasthaus am Finowkanal" angekommen; ein kühles Getränk wäre jetzt Recht. Mich überkommt die Gewohnheit, mein Fahrrad anzuschließen. Allein der Gedanke daran macht mich kopfschüttelnd. Wer soll denn hier ein Fahrrad klauen?

Susanne Hergert, die Wirtin des "Gasthaus am Finow­kanal", heißt mich persönlich willkommen:"So viel Zeit sollte sein oder ich versuche sie mir zu nehmen", sagt sie. Hier wird den Gästen der Wunsch von den Augen ab­gelesen, denke ich, als sie mir selbst gemachten Holun­derblütensaft empfiehlt und gleich darauf ein großes kühles Glas vor mir steht. Herrlich! Derweil streife ich noch einmal ums Haus und entde­cke in den Fenstern kleine mit Kreide beschriebene Tä­felchen. Matjes mit Buttermilchsoße, Bratkartoffeln oder Polenta sind im Tagesangebot. Pasta mit selbst ange­rührtem Pesto liest sich auch lecker. Soll es zum Nach­tisch Apfelsinen mit Cointreau geben?. "Für Kinder werfe ich rasch einen Eierkuchen in die Pfanne", verrät mir die Wirtin. Von hinten in die warme Küche, sage ich mir und be­trete vom Hof aus das wunderschön rote Backsteinge­bäude. Hier hätten auch Rollstuhlfahrer eine Chance. Vorbei an zwei kichernden Mädchen, die Kränze aus Gänseblümchen ins Haar geflochten tragen und... ich muss zweimal hinschauen … tatsächlich drei Gänse­blümchen auf ihrer Butterstulle haben. "Die Mädchen sind etwas blass, finde ich, vielleicht soll­ten sie die Blümchen auf der Butter weglassen", überle­ge ich laut in Richtung Wirtin, die mit ihrem Lächeln überall gleichzeitig zu sein scheint. "Sie sind mit ihren Eltern aus Berlin und bleiben übers Wochen­ende, oben in den Gästezimmern. Gänseblümchen sind übrigens sehr gesund, sie wirken blutreinigend und entzündungshemmend, das wusste schon meine Oma. Die zog als Schneiderin, mit einer Kiepe auf dem Rücken, durch den Thüringer Wald und sammelte nebenbei Kräuter. Daher hab ich das."

Das Gefühl angekommen und gut aufgehoben zu sein, verstärkt sich, als ich auf einem Stuhl an der Bar Platz nehme und von dort aus bequem dem geschäftigen Trei­ben in der Küche zuschauen kann. Eine Köchin ohne Berührungsängste. Bravo! Susanne Hergert bei der Arbeit zuschauen heißt, seine Sinne auf eine harte Probe stellen. Was ich sehe ist pure Lust. Als ein Blech hauchdünn mit Pflanzenöl bestrichen wird, fühle ich mich gebauch­pinselt. Ein Klecks Quark in den Eierkuchenteig, ge­dacht zur Verfeinerung, gibt mir den Rest. Der kleine, rechtwinklig geschnittene Gastraum, mit viel dunkel poliertem Holz und den alten italienischen Filmplakaten an der Wand, lässt keine Langeweile auf­kommen. Vielmehr möchte man umher streifen, um im­mer neue, liebevoll arrangierte Accessoires zu entde­cken. Aus dem Backofen wird ein dampfendes Blech mit ge­füllten Champignons gezogen. Als die Wirtin in den Tiefen der Küche verschwindet, bedauere ich, dass meine Arme nicht länger sind. In einer Pfanne brutzeln Mäuse vor sich hin, zumin­dest sieht es danach aus. "Salbeiblätter in Eierkuchen­teig", beruhigt mich die Wirtin, und ich darf prompt pro­bieren. In einer Steingutschüssel liegen zwei Stück Fleisch. "Gutes argentinisches Rind", mutmaße ich, doch die Wirtin winkt ab. "Mein Fleisch bekomme ich von den umliegenden Bauernhöfen. Das Gute ist so nah, warum denn in die Ferne schweifen? Überhaupt liegt mir daran, in der Region ein Netzwerk zu schaffen, unabhängig von politischen Launen. Menschen sollen sich wieder von ih­rer Hände Arbeit ernähren können."

Als ich Reisebusse erwähne, schaut sie mich über den Brillenrand hinweg an. Ihr Lächeln ist ver­schwunden. "Mit Gemüse aus Dosen und fertigen Bratkartoffeln aus der Zwei-Kilo-Packung? Hilfe nein, Massentouris­mus will ich nicht! Angebote gab‘s genug, gleich nach­dem ich das Haus im Herbst 2004 übernommen und mit meiner Familie ausgebaut habe. Zufriedene Gäste haben etwas mit glücklichen Hühnern zu tun! Und Zeit, viel Zeit." Heute habe ich Glück, sagt sie, eine Radlertruppe hat sich angekündigt, deshalb läuft die Küche auf Hochtou­ren. Normalerweise gibt es zwei bis drei Gerichte, der je­weiligen Saison angepasst, weil alles frisch ist. Die Gäs­te, so erzählt sie weiter, schreckt das nicht ab, sie las­sen sich gern überraschen und im Notfall wird gezau­bert. Sogar Extrawürste werden gebraten. Es kam auch schon mal vor, dass zum Kaffeekränz­chen plötzlich eine dreißigköpfige Bikergruppe mit ihren Harleys im Hof stand. Die knallharten Jungs ließen ihre Lederhüllen fallen und mutierten zu flinken Kellnern, für die der kurze Weg zum im Hof gelegenen Freisitz kein Hindernis darstellte. Einer übernahm sogar den Zapfhahn. Irgendwie muss die Frau zaubern können, plötzlich steht eine mannsmäßige Portion Polenta mit Huhn vor mir. Das Fleisch ist unsagbar zart und saftig, bei der Po­lenta stutze ich kurz. Wenn mich etwas verrückt macht, dann ist das ein bestimmter Geschmack, den ich nicht definieren kann. So wie jetzt! "Eine Messerspitze geriebenen Muskat ins kochende Salzwasser, das ist alles!" werde ich aufgeklärt. Ah ja! Vielleicht wäre ich in zwei Jahren auch drauf gekommen!
"Suchet, so werdet ihr finden!", steht geschrieben.
Wer fernab vom täglichen Großstadtwahnsinn den un­beschwerten Genuss sucht, saubere deutsche Küche mag und mit italienischer Küche liebäugelt, der ist im "Gasthaus am Finowkanal" gut aufgehoben. Alle Speisen sind mit viel Liebe und dem "gewissen Et­was" gewürzt. Ein sicheres Gourmeterlebnis, immer Freitag bis Sonntag. Die mir angebotenen Desserts hören sich verlockend an, ich muss aber leider aufgeben. Ein leichter Rotwein gibt dem Huhn die letzte Ehre, im Hintergrund die leise Stimme von Louis Armstrong "What a wonderful world." Wie recht er doch hat. Es ist spät geworden, als ich mich von Susanne Her­gert verabschiede. Mein Fahrradsattel fühlt sich irgend­wie unbequemer an. "Wollen Sie ein Gläschen Holunderblütensirup, selbst geerntet?" Ich steige nochmal ab …

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"Alte Schule Zerpenschleuse" von Uwe Hartig ist in dem Buch "Genusswandel – Ein Streifzug durch die Wandlitzer Gastronomie mit den Wandlitzer Autoren" (ISBN 9783839119198) erschienen. Weitere Informationen unter www.wandlitzer-autoren.de.

Über den Autor: Uwe Hartig Uwe Hartig wurde 1966 in Leipzig geboren. Von der Bereitschaftspolizei in Basdorf / Wandlitz wechselte er zur Kriminalpolizei nach Berlin. Vor dem Mauerfall als Kriminaltechniker, später im Bereich Verbrechensbekämpfung tätig, bekommt er im Berufsalltag das wahre Leben "frei Haus" geliefert. Diese Erfahrungen spiegeln sich in seinen Romanen und Drehbüchern wider. Was soll man im Leben? Kind zeugen, Baum pflanzen, Buch schreiben, diese Reihenfolge hat er eingehalten. Der Gewinner des German Wings Story Award 2009 hat bereits mehrere Anthologien und Bücher veröffentlicht, u.a. "Divinusa" (2003) und "Nur der Mann im Mond schaut zu" (2006). Uwe Hartig ist Mitglied der Wandlitzer Autoren (www.wandlitzer-autoren.de) und der Polizeipoeten. Er liebt die Natur, die Menschen, das Abenteuer und ist stets neugierig, was da noch kommt.